Dienstag, 26. Juli 2011
Die edlen Schwarzkünstler lieben’s nass
Ottweiler Druckerei belebt mit „Gautschen“ das traditionelle Brauchtum der Wassertaufe wieder
Wie im Mittelalter gings in der Ottweiler Druckerei O/D zu: Zum 70-jährigen Bestehen der Druckerei besann man sich wieder auf die alte Tradition des „Gautschens“. Zehn Männer und Frauen wurden durch das rustikale Bad im Zuber in den Druckerstand erhoben.
Ottweiler. „So lasst die Wasser laufen. Lasst uns die Kornuten taufen“, sprach Altmeister Hans Paul und schon spritzte das Wasser nach allen Seiten, als die Lehrlinge kopfüber in den Bottich voller Wasser getunkt wurden. Als sie von den Helfern in mittelalterlichen Kostümen schließlich wiederabgesetzt wurden, waren sie nicht nur triefnass, sondern auch endlich Teil der „Schwarzkünstler“ und damit in den Druckerstand aufgenommen.
„Gautschen“ heißt diese im wahrsten Sinne feucht-fröhliche Zeremonie, die die Ottweiler Druckerei O/D anlässlich ihres 70-jährigen Bestehens wieder aufleben ließ.
„Gautschen hat eine langeTradition. Bereits im 16. Jahrhundert hat man Druckerlehrlinge mit diesem Ritual zu Gesellen gemacht“, berichtet Hans Paul, Gautschmeister und Seniorchef des Unternehmens, der die Wassertaufe mit dem seltsamen Namen seit vielen Jahren leitet. Der Begriff bezeichnete ursprünglich einen Schritt in der Papierherstellung über einem Wasserbottich, der dem Schöpfen folgte. Ganz unvorbereitet wurden damals die Lehrlinge von so genannten Packern an Armen und Beinen von ihrem Arbeitsplatz fortgerissen und in voller Montur in den Zuber geschmissen. Die anschließende Gautschfeier mussten die jungen Burschen dann auch noch bezahlen. „Dafür reichten manchmal drei Monatsgehälter nicht aus“, weiß Paul zu berichten.
Den zehn Lehrlingen, die am Freitag antraten, ging es da schon besser. Denn die Druckerei zahlte die Festlichkeit, Speis und Trank inklusive. Schließlich wurde nicht nur das Firmenjubiläum gefeiert, sondern auch Seniorchef Paul selbst, der immerhin seit 60 Jahren im Familienunternehmen tätig ist. „Solange leben andere gar nicht“, spaßt der ehemalige Schriftsetzermeister im Gespräch mit der Saarbrücker Zeitung. Selbstverständlich sei auch er damals gegautscht worden, schließlich dürften nur selbst in den Druckerstand Aufgenommene eine so heilige Zeremonie leiten – das gelte auch für die Packer und Helfer.
Aber warum sind ganze zehn Jahre seit dem letzen Gautschen vergangen? Das erklärt Einkaufsleiter Johannes Paul: „Um dieses Ritual durchzuführen, braucht es eine gewisse Anzahl an Gautschlingen beziehungsweise Kornuten. Und wir hatten eben einfach zu wenige Lehrlinge. Deswegen waren diesmal auch einige dabei, die ihre Ausbildung schon länger hinter sich haben. Sie mussten lange warten, bis ihnen diese Ehre zu Teil wurde.“ Und man sah den zehn Männern und Frauen an, dass sie stolz auf ihre Wassertaufe waren – auch wenn sie nach der Zeremonie erst mal Handtuch und Fön brauchten, um sich wieder herzurichten.
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